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Kommentar zum Artikel „Chávez‘ Wiederwahl löst Auswanderungswelle aus“

Im Artikel „Chávez‘ Wiederwahl löst Auswanderungswelle aus“ in der Financial Times Deutschland wird darüber berichtet, dass vor allem jetzt – nachdem Chávez erneut die Präsidentschaftswahlen gewonnen hat – „hunderttausende“ VenezolanerInnen ihr Land verlassen. Auf der Flucht vor Kriminalität und bevorstehenden Enteignungen würden sie vor allem nach Kolumbien, die USA und Kanada emigrieren, um dort ihr Glück zu versuchen. Muss man diese Leute aber bemitleiden?

Mit Sicherheit ist es richtig, dass es eine begrenzte Zahl von VenezolanerInnen gibt, die ihr Land verlassen. Jedoch gibt es keinen Anlass für Mitgefühl. Wer aus Angst vor Verstaatlichungen flieht, der hat genug finanzielle Mittel für ein angenehmes Leben – egal an welchem Ort. Und wenn Teile der reichen Elite aufgrund von Kriminalität emigrieren, dann beweist das nur deren Zynismus. Es sind nämlich genau diese Leute, die immer für den Kapitalismus eintreten, für ein System, das durch Ausbeutung, Individualisierung der Menschen, Ausgrenzung, Diskriminierung, Konsumzwang und Ungleichverteilung von Reichtum erst die Kriminalität hervorbringt.

Lächerlich ist zudem, dass viele der im Ausland lebenden VenezolanerInnen sich selbst als poltische Flüchtlinge bezeichnen. In Wirklichkeit begrenzen sich die politischen Gründe dieser Leute – allesamt Teil der reichen Elite Venezuelas – darauf, dass sie mit der bolivarianischen Revolution nicht einverstanden sind und nach der erneuten Niederlage bei der Präsidentschaftswahl zunehmend frustriert sind. Sie hassen Chávez. Und das ist für sie schon Grund genug um das Weite zu suchen.

Die Situation für private Unternehmer ist außerdem längst nicht so schlimm wie es der Artikel in der Financial Times vermuten lässt. Der private Sektor in Venezuela ist mit 60% nach wie vor dem staatlichen Sektor überlegen. Die privaten Unternehmen machen satte Gewinne, da die Bevölkerung heute kaufkräftiger ist als früher. Bestimmte Schlüsselindustrien (z.B.: Zementfabriken, Ölindustrie, Metall- und Aluminiumfabriken,…) wurden zwar verstaatlicht, die Besitzer wurden und werden jedoch entschädigt.

Bisher sind die Tränen der Unternehmer also bloße Krokodilstränen. Begründet ist vielleicht jedoch die Angst vor der Zukunft, denn der Organisationsgrad der Bevölkerung wächst. Schon mehrere Fabriken
funktionieren in Arbeiterselbstkontrolle und große Teile der Bevölkerung verlangen die Radikalisierung der Revolution. Dies kann zur Folge haben, dass weitere Schritte unternommen werden, die ein alternatives, solidarisches Wirtschaftssystem vorantreiben und die private Aneignung der Gewinne einschränken. Auch ist den Unternehmern natürlich das neue Arbeitsgesetz zuwider, das wohl das fortschrittlichste der Welt ist. Darin wird zum Beispiel Outsourcing und Leiharbeit komplett verboten. Zudem wird der Mindestlohn in Venezuela jedes Jahr (in Etappen) um 30 Prozent angehoben. Das gefällt einem hungrigen Unternehmer natürlich nicht besonders.

Die Oberschicht Venezuelas verlässt ihr Land also deshalb, weil sie in anderen Ländern eine bessere Aussicht auf hohe Gewinne haben. Als Reiseziel eignet sich für sie natürlich Kolumbien, Bastion des US-amerikanischen Einflusses in Südamerika. Andere „fliehen“ nach Miami, der Hochburg der rechten Oppositionellen und Putschisten, die Chávez am liebsten tot sehen würden.

Menschen mit wirklichen Problemen

Interessant ist es, dieser vermeintlichen „Auswanderungswelle“ von reichen venezolanischen Unternehmern die wirklich besorgniserregende Emigration entgegenzustellen, die gerade in Spanien vor sich geht. Innerhalb der ersten neun Monate dieses Jahres (2012) verliessen 420.150 Personen das Land Spanien, 365.238 von ihnen Ausländer und 54.912 Spanier. Während der letzten 21 Monate sind knapp eine Millionen Menschen aus Spanien ausgewandert. Dies ist direkte Folge von Sozialkürzungen, Arbeitsplatzmangel, Perspektivlosigkeit und fehlender Möglichkeiten politischer Mitbestimmung.

In Spanien zerstören neoliberale Sparpakete das Leben von Millionen von Menschen. Demgegenüber ist die venezolanische Bevölkerung gerade dabei, eine neue Welt zu konstruieren, die an den Bedürfnissen der Bevölkerung ausgerichtet ist, anstatt an den Gewinnen weniger. Wenn dies Teilen der reichen Elite nicht gefällt, dann können sie sich auf demokratischem Wege den eingeleiteten Veränderungen entgegensetzen. Und wenn sie dazu keine Lust haben, dann sollen sie eben auswandern. Ist ja schön für sie, dass sie genug finanzielle Mittel zur Verfügung haben, um sich eine „bessere“ Heimat aussuchen zu können. Die Hunderttausenden die gerade aus Spanien auswandern, fliehen dagegen vor wirklichen Problemen, nämlich vor Armut und Miserie. Und sie emigrieren ins Ungewisse, denn trotz oft jahrzehntelanger Lohnarbeit in Spanien stehen sie heute mit leeren Händen da.

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