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Konstruieren wir Gemeinschaft!

Eine zukünftige Bewohnerin bereitet den Zement für eine Qualitätsprüfung vor. (Foto: Manu)

Gestern hatte ich die Gelegenheit, ein selbstverwaltetes Bauprojekt kennen zu lernen. Im Stadtteil La Vega in Caracas sind 88 Familien dabei, ihre eigenen Häuser zu erbauen und bekommen dafür die geforderte Unterstützung vom Staat. Diese Selbstorganisation der BewohnerInnen beweist ein weiteres Mal, dass die ArbeiterInnen dieser Welt zu allem selbst fähig sind, wenn ihnen nur keine Knüppel zwischen die Beine geworfen werden.

Idee und Initiative für das Bauprojekt kam aus einer lokalen Organisation in La Vega heraus. Diese ist Teil der landesweit organisierten „Siedlerbewegung“ (Movimiento de Pobladores), deren AktivistInnen sich für würdigen Wohnraum für alle einsetzen.

Als die BewohnerInnen von La Vega Nachforschungen über eine in ihrem Wohnviertel gelegene Fläche anstellten, die von einer Firma als Parkplatz vermietet wurde, fanden sie heraus, dass das Grundstück eigentlich staatliches Eigentum war und von den Parkplatzbetreibern illegal genutzt wurde. Daraufhin legten die BewohnerInnen, gemeinsam mit AktivistInnen aus anderen Stadtteilen, die ähnliche Projekte realisieren wollten, dem Präsidenten Hugo Chávez ihre Vorschläge vor. Der Präsident unterstützte die Vorhaben und erließ ein Präsidialdekret (1), in dem die Forderungen der Aktivisten erfüllt wurden. Präsident Chávez hatte somit eine konkrete Initivative der organisierten Bevölkerung aufgegriffen und direkt unterstützt.

Als die Aktivisten das Grundstück in La Vega „besetzten“ kam es zu Auseinandersetzung mit den unrechtmäßigen Nutzern, die ihr gutes Geschäft der Parkplatzvermietung nicht verlieren wollten. Regierung und Polizei standen jedoch auf Seiten der BewohnerInnen, somit konnte der Konflikt schnell gelöst werden.

Die 88 Familien, die an dem Projekt teilnehmen, kommen fast alle aus dem umliegenden Stadtteil. 23 Männer und Frauen arbeiten Vollzeit im Projekt und bekommen für ihre Arbeit einen Lohn. Die restlichen Mitglieder der 88 Familien beteiligen sich je acht Stunden pro Woche als Freiwillige. Sie können abends oder am Wochenende ihren Beitrag leisten. Auch Baukoordinatoren, Anwälte und sonstige Ausgebildete, die ein solches Projekt benötigt, kommen aus der Nachbarschaft.

Alle Entscheidungen werden in Selbstverwaltung in der wöchentlichen organisatorischen Versammlung getroffen, an der mindestens ein Repräsentant jeder der 88 Familien teilnimmt. Zusätzlich findet wöchentlich eine thematische Versammlung statt, in der über politische Themen diskutiert wird. Die Vernetzung mit den anderen 13 Projekten dieser Art in Caracas findet ebenso über regelmäßige gemeinsame Versammlungen statt.

Die von den AktivistInnen geforderten Baumaterialien und Maschinen werden vom Staat geliefert (Foto: Manu)

Das Projekt (mittlerweile trägt es den Namen Kaika Shí) ist wie man sieht weit mehr als nur ein Wohnungsbau für Bedürftige. In Kaika Shí geht es um die Konstruktion von Gemeinschaft (comundidad). Ein Aktivist meinte, der Wohnungsbau sei wie eine Entschuldigung dafür, um die Leute zusammen zu bringen, Selbstorganisation voranzutreiben und die Eigeninitative der Menschen zu stärken. Wenn man mit den am Projekt Beteiligten spricht, kann man feststellen, dass sie sehr kämpferisch sind und hoffnungsvoll über die Zukunft und eine neue, an den Bedürfnissen der Menschen ausgerichtete Welt sprechen.

Die fuer den Kapitalismus typische Trennung von Leben und Arbeit wird in diesem Projekt überwunden. Die ArbeiterInnen erschaffen in gemeinschaftlich organisierter, kollektiver Arbeit ein Produkt (Häuser), von dem sie als Gemeinschaft selbst profitieren werden. Dadurch entsteht ein neues Verhältnis zur Arbeit, positive Werte wie Selbstverwirklichung und Verantwortungsgefühl werden somit gefördert.

Die bolivarianische Revolution ist, wie man an diesem Beispiel gut sehen kann, weit mehr als nur eine neu ausgerichtete Regierungspolitik: sie ist ein Netz unzähliger kleiner Revolutionen, kleiner von der Basis ausgehender Initiativen, die für einen Umbau der Gesellschaft kämpfen.

Auf die Frage hin, was die bolivarianische Revolution für sie ist, antwortete Willneida Ribera, eine der in Kaika Shí arbeitenden Aktivistin: „Für mich ist die Revolution poder polpular („Volksmacht“)! Hier befiehlt das Volk**!“ …spätestens seit meinem Besuch in Kaika Shí kann ich diese Ansicht teilen.

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** Das Wort „Volk“ (spanisch: pueblo), wird im lateinamerikanischen Kontext als Abgrenzung der  arbeitenden Bevölkerung zu den ökonomischen Eliten (Bourgeoisie)  und den staatlichen Institutionen verstanden. Daher auch der Ausruf „El pueblo unido jamas será vencido“ (Das vereinigte Volk wird niemals besiegt werden).

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  1. September 20, 2012 um 6:51 pm

    Friedrich Engels ueber die Aufhebung der Trennung von Arbeit und Leben:

    »Die Gesellschaft kann sich selbstredend nicht befreien, ohne daß
    jeder einzelne befreit wird. Die alte Produktionsweise muß also von
    Grund aus umgewälzt werden, und namentlich muß die alte Teilung
    der Arbeit verschwinden. An ihre Stelle muß eine Organisation der
    Produktion treten, in der (…) die produktive Arbeit, statt Mittel der
    Knechtung, Mittel der Befreiung der Menschen wird, indem sie jedem
    einzelnen die Gelegenheit bietet, seine sämtlichen Fähigkeiten, körperliche
    wie geistige, nach allen Richtungen hin auszubilden und zu
    betätigen, und in der sie so aus einer Last eine Lust wird.«

    Aus:
    Friedrich Engels,
    Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft (Anti-Dühring)
    MEW, Band 20, S. 274.

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