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Maßnahmen für die Nahrungssouveränität

          Teile des folgenden Beitrags habe ich aus diesem Artikel übersetzt.

Seit Hugo Chávez 1998 zum Präsidenten gewählt wurde ist die Nahrungsmittelsouveränität ein wichtiges Thema in Venezuela. Nur wenn die inländische Landwirtschaft ausgebaut wird, kann die nach wie vor starke Abhängigkeit von Lebensmittelimporten eingeschränkt werden. Um diese Entwicklung voranzutreiben setzt die Regierung sowohl auf die Stärkung von kleinbäuerlichen Strukturen und Kooperativen als auch auf den Aufbau staatlicher Betriebe.

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Die Importabhängigkeit – Ein Erbe der Vierten Republik

Auch die BewohnerInnen der Stadt Caríbia leisten ihren Beitrag zur Erreichung der Nahrungssouveränität Venezuelas (Foto: Manu)

Venezuela muss heute starke Anstrengungen unternehmen, um eines der fatalsten Erben zu beseitigen, das von den Vorgängerregierungen zurückgelassen wurde. Durch die immensen Ölrenten begünstigt, vernachlässigten diese völlig die Entwicklung des landwirtschaftlichen und industriellen Sektors.

Ende des 19. Jahrhunderts war Venezuela hinter Brasilien und den niederländischen Karibikinseln der drittgrößte Kaffeeexporteur der Welt. Doch mit Beginn der Erdölförderung zu Beginn des 20. Jahrhunderts verlor die Landwirtschaft immer mehr an Relevanz. Staat und Kapital stürzten sich auf das gewinnbringende Öl. Durch das Fehlen jeglicher technischer oder finanzieller Unterstützung für die Bauern, beschränkte sich die Landwirtschaft fast vollständig auf Subsistenzwirtschaft. Nordamerikanische Agrarexporte überschwemmten den venezolanischen Markt und leisteten dadurch zur weiteren Zerstörung der Landwirtschaft ihren Beitrag. Vor Beginn der Chávez-Regierung importierte Venezuela 70% der Nahrungsmittel, der Agrarsektor machte nicht einmal 5% des BIP aus.

Die bolivarianische Regierung hat beschlossen, diese offene, historische Wunde durch ein breites Maßnahmenpaket anzugehen, dessen Richtlinien im 2001 erlassenen Gesetz über Agrarflächen und Ländliche Entwicklung (Ley de Tierras y Desarrollo Agrario) festgeschrieben sind. Unter anderem beschränkt das neue Gesetz den privaten Landbesitz auf 5.000 Hektar und gibt die legalen Rahmenbedingungen für kollektive Selbstorganisation der Bauern. Des weiteren legt das Gesetz die Besteuerung großer Landflächen fest und ermöglicht die Enteignung von unbewirtschafteten Anbauflächen und die Rücknahme von öffentlichem Grund, den sich Großgrundbesitzer illegal angeeignet haben.

Werbung in der Metro von Caracas: „Gran Misión AgroVenezuela bedeutet die Bekämpfung des Großgrundbesitzes“ (Foto: Manu)

„Die vier Kerngebiete unserer Politik sind Landverteilung, Finanzierung des Agrarsektors, technische Beratung und Verteilung von Nahrungsmitteln“, erklärt der Vizeminister für Ländliche Entwicklung Javier Alejandro Ramos. „Die Nahrungssouveränitat ist eine der grundlegenden Ziele unserer Revolution.“

Innerhalb der letzten 13 Jahre wurden über 6,4 Mio Hektar Land legalisiert und an 168.000 Familien verteilt. Die Banken, staatliche wie private, wurden dazu verpflichtet, Kredite für die Finanzierung der Bauern zu vergeben. Die Daten des Landwirtschaftsministeriums zeigen, dass die Venezolanische Agrarbank im Jahr 2010 1,22 Milliarden Bolívares in Form von Krediten vergeben hat, 6,352% mehr als im Jahr 2006. Seit Bestehen des Fonds für die Sozialistische Ländliche Entwicklung (Fondas) im Jahr 2008 wurden über 3,7 Milliarden Bolívares an die venezolanischen Bauern verliehen.

„Gran Misión AgroVenezuela bedeutet soziale Organisation“ (Foto: Manu)

Die Gewinne des staatlichen Ölkonzerns PDVSA ermöglichen zudem weitreichende Ernährungsprogramme, die Versorgung von Schulen, die Subventionierung von Lebensmitteln und die Schaffung alternativer Transport und Verkaufswege (zB. Misión Mercal, PDVAL).


Kooperativen und Staatsbetriebe

Obwohl der Nahrungsmittelimport nach wie vor bei knapp 70% liegt*, betont die Regierung, dass sehr wohl strukturelle Fortschritte im landwirtschaftlichen Bereich erzielt worden sind. Die Zahl der eingenommenen Kalorien pro Tag pro Einwohner ist von 2.200 im Jahr 1998 auf 3.200 Kalorien im Jahr 2011 gestiegen, ohne dass die Importe erhöht werden mussten. 78% des verzehrten Rindfleisches, 78% des Reises und 64% der in Venezuela konsumierten Milch kommen bereits aus Eigenproduktion.

Die Regierungsstrategie ist darauf ausgelegt, die Stärkung von Kleinbauern und Kooperativen mit dem Aufbau von Staatsbetrieben zu kombinieren. Zusätzlich zu ihrer eigenen Produktion kaufen diese Betriebe die Ernte von Kleinbauern und lokalen Kooperativen und unterstützen diese zusätzlich mit Krediten und technischer Hilfe.

Die agroindustriellen Betriebe in Hand des venezolanischen Staates spielen bei der Entwicklung einer selbstversorgenden Landwirtschaft eine wichtige Rolle. Verschiedene Betriebe dieser Art sind mittlerweile in mehreren Teilen des Landes zu finden. Das Unternehmen Los Andes beispielsweise stellt Milchprodukte, Säfte und Wasser her und die Unternehmen Fama de América, Café Venezuela und Cacao Oderi sorgen für die nationale Kaffe- und Kakaoproduktion.

Das Statut dieser Betriebe legt ihre soziale Einbindung in die Gesellschaft fest. Als sogenannte EPS (Unternehmen sozialen Eigentums, „sozialistische Fabriken“) sind sie unter anderem dazu verpflichtet, einen Teil ihres Gewinnes der umliegenden, organisierten Nachbarschaft zur Verfügung zu stellen, damit diese Projekte für ihre Gemeinschaft umsetzen kann. Ziel ist es, die Verwaltung der EPS nach und nach in die Hände der ArbeiterInnen zu übergeben.

Nach offiziellen Angaben, ist die Nahrungsmittelproduktion in Venezuela zwischen 1988 und 1998 um 8% gewachsen, von 15,9 Mio Jahresproduktion auf 17,1 Mio Tonnen. Bis zum Jahr 2010 ist die Produktion auf 25 Mio Tonnen angestiegen. Dies bedeutet, dass in den ersten 11 Jahren der Chavez Regierung eine Zuwachs von 44% erreicht wurde.

Trotzdem ist die venezolanische Nahrungsmittelversorgung nach wie vor in hohem Maße von Importen abhängig. Dies ist jedoch auch darauf zurück zu führen, dass der Nahrungsmittelkonsum stark angestiegen ist.

„Großer sozialistischer Markt“ im Zentrum von Caracas, wo Obst und Gemüse zu solidarischen Preisen verkauft wird. (Foto: Manu)

 

Hugo Chavez wirbt für die sog. Areperas Socialistas, kleine Restaurants, in denen man die traditionellen arepas zu billigen Preisen kaufen kann (Foto: Manu)

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*Neuesten Regierungsangaben zufolge liegt der Nahrungsmittelimport mittlerweile nur noch bei knapp 30% (1). Der Oppositionskandidat Henrique Capriles Radonski behauptet dagegen, 90% der Nahrungsmittel würden importiert werden.

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