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Die wirtschaftliche Umgestaltung Venezuelas

Von Manu und Jakob

Treffen mit dem Gewerkschaftsaktivisten Denis Sucre im Aluminiumwerk Alcasa in Guayana

In den 13 Jahren Chávez-Regierung konnten in Venezuela bereits enorme Fortschritte im sozialen Bereich erzielt werden. Die kapitalistische Wirtschaft besteht jedoch – trotz aller Bemühungen – weitgehend fort. Schon auf die ersten ökonomischen Maßnahmen der bolivarianischen Regierung im Jahre 2002 (Nationalisierung des Erdölunternehmens PDVSA, Agrarreform,…..) reagierte die Elite des Landes mit einem gewaltsamen Putschversuch (April 2002) und einem Unternehmerstreik (Dez/Jan 2002/03), der das Land wochenlang lahmlegte. Das Ziel der oppositionellen Kräfte war der Sturz der Regierung und die Ausschaltung von Hugo Chavez. Dies konnte jedoch nicht erreicht werden. Stattdessen resultierte aus den Destabilisierungsversuchen eine bessere Organisierung des venezolanischen Volkes, das sich durch die aktive Verteidigung ihres Präsidenten mehr als zuvor mit der bolivarianischen Revolution identifizierte.

Insbesondere die Arbeiterbewegung ging gestärkt aus dem Unternehmerstreik hervor. Ihr Beitrag, die Wiederaufnahme der Produktion in Selbstorganisierung, war fundamental für die erfolgreiche Abwehr des Angriffs der Opposition. Dies führte zu Entwicklung von Selbstbewusstsein und praktischer Erfahrung mit Arbeiterselbstkontrolle.

Mit der Verkündung der Verstaatlichung von Sidor, dem größten Stahlwerk Lateinamerikas, und anderen wichtigen Betrieben in Ciudad Guayana im Bundesstaat Bolivar, unternahm die Regierung im Jahr 2008 einen wichtigen Schritt in Richtung eines neuen Wirtschaftssystems. Dieser Initiative waren harte Kämpfe der Arbeiterbewegung vorausgegangen, die die Verstaatlichung der Betriebe gefordert hatten.

Ciudad Guayana ist der größte Industriestandort Venezuelas. Fast die komplette Schwerindustrie (Eisen, Stahl und Aluminum) ist dort angesiedelt, die nach dem Erdöl den zweitwichtigsten Wirtschaftszweig des Landes darstellt. Nicht nur aufgrund der zentralen Bedeutung Guayanas für die venezolanische Wirtschaft, sondern auch wegen den tiefgreifenden Bemühungen zur Umgestaltung der Wirtschaft Guayanas innerhalb der letzten Jahre, hat die Stadt eine Schlüsselrolle für die weitere Entwicklung des venezolanischen Wirtschaftsystems eingenommen.

Zumindest der Name dieser Fabrik hat sich schon verändert und beinhaltet nun die Wörter „Sozialistischer Betrieb“ (Foto: Manu)

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Guayana in der bolivarianischen Revolution

Der erste größere Einschnitt, der die Beziehungen im Bereich der Schwerindustrie in Guayana nachhaltig veränderte, waren die Geschehnisse rund um den Unternehmerstreik im Dez/Jan 2002/03. Die bolivarianische Regierung zielte nicht von Beginn ihrer Regierungszeit an auf eine tiefgreifende Neuordnung der ökonomischen Beziehungen ab. Erst durch die Folgen des Unternehmerstreiks, der Erklärung des „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ als Ziel der bolivarianischen Revolution (2005), und den Verstaatlichungen wichtiger Betriebe im Jahre 2008 beginnt sich ein neuer Weg für Guayana zu eröffnen. Auch die Geschehnisse von 2008 sind kein Produkt einer zuvor geplanten Regierungspolitik. Der Antrieb kam vielmehr überraschend, stoßartig und vor allem ausgehend von den ArbeiterInnen.

Die Wirtschaftskrise ab 2007 hatte auch auf den Industriestandort Guayana negative Auswirkungen. Rund um die Fragen von Arbeitsbedingungen, Entlassungen und Outsourcing kam es unter anderem im Stahlwerk Sidor zu Streiks. Nach einer längeren Zeit turbulenter Auseinandersetzungen reagierte die Regierung auf die Forderung der ArbeiterInnen und verstaatlichte das 14.000 Beschäftigte zählende Unternehmen.

Seit Beginn der Wirtschaftskrise fanden viele Betriebe Guayanas nicht mehr zur stabilen ökonomischen Entwicklung zurück. Dies wurde durch Energieengpässe aufgrund von ausbleibenden Regen in den Jahren 2009 und 2010 noch verstärkt. Mehrere private Unternehmer behinderten zudem gezielt die ökonomische Entwicklung Guayanas,  was zu Fabrikbesetzungen durch die ArbeiterInnen und daurauffolgenden Verstaatlichungen führte.

Innerhalb der privaten und staatlichen Betriebe, der Regierungspartei, Gewerkschaften, der Arbeiterschaft und der organisierten Linken toben heute heftige Kämpfe um die weitere Entwicklung des Wirtschaftsstandorts Guayana. Der immense ökonomische Reichtum der hier für viele auf dem Spiel steht ruft mafiöse Methoden, Korruption und Machtspiele hervor. Die Verwaltung der ehemals privatkapitalistischen Unternehmen wird oftmals einfach übernommen und behält im wesentlichen ihre Macht. Viele Fortschritte auf dem Weg zur Arbeiterselbstkontrolle werden von verschiedenen Seiten aus sabotiert. Von den Arbeitern gewählte Arbeiterpräsidenten werden beispielsweise plötzlich abgesetzt, die Organisierung der Arbeiter in Räten wird untergraben etc.

Die Verstaatlichung von Sidor im Jahre 2008 hat also Schwung in die ökonomischen Verhältnisse, Türen zu deren Veränderung, aber auch sämtliche Machtkämpfe eröffnet. Kapitalistische Logiken und hierarchische Unternehmensstrukturen bestehen in weitem Maße fort, doch gleichzeitig hat sich eine Hegemonie der Demokratisierung der Arbeitsverhältnisse, der Umgehung der marktwirtschaftlichen Konkurrenz und der Aufbau des Sozialismus durchgesetzt.

Wandbeschriftung im Aluminiumwerk Alcasa: „Arbeiterselbstkontrolle – Instrument für die Konstruktion des sozialistischen Heimatlandes“ (Foto: Manu)

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Plan für ein Sozialistisches Guayana 2009-2019

Im Jahr 2009 besuchte Hugo Chavez die Stadt Guayana, um gemeinsam mit den Beschäftigten die Umgestaltung der Wirtschaft einzuleiten. Dafür verkündet Chavez den Plan für ein sozialistisches Guayana (PGS). Erstes Ziel des Plans ist die Arbeiterselbstkontrolle, die durch Organisation der ArbeiterInnen in Räten erreicht werden soll.

Damit die selbstverwalteten Unternehmen nicht in die kapitalistische Logik zurückfallen (Konkurrenz mit anderen Unternehmen auf dem Markt), ist das zweite wichtige Ziel des Plan Guayana Socialista (PGS) die Organisierung der Unternehmen Guayanas in zwei Kooperativen, die ihre Produkte direkt untereinander austauschen. Eine solche Kooperative soll für die Aluminium- und eine für die Eisen- und Stahlproduktion entstehen. Diese und andere Ziele, wie zum Beispiel die Umstellung der Produktion auf Weiterverarbeitung statt bloßem Export von Rohstoffen, die ständige Weiterbildung der ArbeiterInnen, die Aufhebung der Trennung von geistiger und körperlicher Arbeit und die Überwindung der Entfremdung von der Arbeit sollen bis 2019 umgesetzt werden.

Seit 2009 ist der PGS offizielle Regierungspolitik, doch die Umsetzung wankt. Von verschiedenen Seiten aus wird die Realisierung des Planes gebremst oder gar verhindert. Die Gegenwehr geht dabei nicht nur von oppositionellen Kräften aus, sondern kommt auch von innerhalb der Regierungspartei PSUV, Gewerkschaften und Fabrikverwaltungen. Ob der Plan für ein sozialistisches Guayana also umgesetzt werden wird, ist nicht bloß eine Regierungsentscheidung. Diese fördert zwar in breiterem Maße die Durchsetzung einer sozialistischen Neuordnung, doch am Ende bleibt dies eine Frage der Kräfteverhältnisse und der Organisierung der Linken, vor allem der ArbeiterInnen selbst.

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Besuch in der Fabrik „Grafitos del Orinoco“, die bereits vollständig von den Arbeitern selbstverwaltet wird

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Zum Weiterlesen:

– Artikel von Christian Klar und Eva Haule:

http://amerika21.de/analyse/38341/arbeiterkontrolle-venezuela

http://www.workerscontrol.net/de/autoren/arbeiterkontrolle-venezuela

– englischer Artikel über die Situation in Guayana:

http://venezuelanalysis.com/analysis/7151

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Film über Arbeiterkontrolle in Venezuela:

http://www.azzellini.net/filme/5-fabriken-arbeiterkontrolle-venezuela

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  1. September 11, 2012 um 5:38 am

    Im Buch „Partizipation, Arbeiterkontrolle und die Commune – Bewegungen und soziale Transformation am Beispiel Venezuela“ schreibt Dario Azzellini folgendes:

    „Die Transformation und Demokratisierung der Ökonomie hat sich als bis-
    her problematischster Aspekt herausgestellt. Das sollte nicht verwundern.
    Dazu existieren weniger Erfahrungen und Alternativen als zu Formen gesell-
    schaftlicher Organisierung und sie sind aufgrund der Totalität des kapitalisti-
    schen Modells und der Globalisierung der Ökonomie auch am schwierigsten
    umzusetzen. In der Wirtschaft konzentrieren sich enorme Privatinteressen,
    die sich gegen eine Neuordnung und Demokratisierung sperren. Diese Inter-
    essen reichen weit in die Institutionen und staatlichen Unternehmen hinein.
    Die immensen Schwierigkeiten, selbst in den staatlichen Basisindustrien die
    zentralstaatlichen Politiken der Regierung durchzusetzen, liegen im großen
    Widerstand in den Unternehmen und von lokalen, regionalen, nationalen und internationalen Klientel- und Interessensnetzwerken begründet.“

    Inhaltsverzeichnis, Einführung und Schluss kann man sich auf der Seite des Verlages herunterladen:
    http://www.vsa-verlag.de/uploads/media/www.vsa-verlag.de-Azzellini-Partizipation-Arbeiterkontrolle-und-die-Commune.pdf

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