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Sozialer Wohnungsbau und die Stadt Caríbia

Häuserblöcke der neuen Stadt Caríbia (Foto: Manu)

Eines der drängensten Probleme für die venezolanische Bevölkerung ist der fehlende Wohnraum. Vor zwei Jahren wurde die Situation durch schwere Überschwemmungen und damit einhergehende Erdrutsche weiter verschlimmert. Tausende Menschen verloren durch die Unwetter ihre Wohnungen, viele von ihnen warten noch immer in Notunterkünften auf ein neues Zuhause.

Mittlerweile ist der Wohnungsbau eine der obersten Prioritäten der Regierung. Im Rahmen der staatlichen Initiative Gran Mision Vivienda werden hohe Investitionen getätigt. Der zuständige Minister Rafael Ramírez versichert, es gäbe keine venezolanische Baufirma, die nicht am Bau von sozialen Wohnungen beteiligt wäre (1). Zwischen 2012 und 2017 sollen rund 1,8 Millionen neuer Wohnungen entstehen. Um die Pläne zu erfüllen kooperiert Venezuela mit den Ländern China, Russland, Kuba, Weissrussland und Brasilien. Trotz aller Anstrengungen ist es noch ein weiter Weg, bis das Recht jedes Venezolaners und jeder Venezolanerin auf eine „angemessene, sichere, bequeme, hygienische, mit essenzieller Grundversorgung ausgestattete Wohnmögichkeit“ (Art.82) erfüllt wird, so wie es in der neuen bolivarianischen Verfassung von 1999 festgeschrieben ist.

Bei einem Spaziergang durch Caracas sieht man überall Wohnungen, die im Rahmen der Gran Mision Vivienda errichtet wurden. Dabei wird bewusst darauf Wert gelegt, auch im Stadtzentrum neuen Wohnraum für die ärmere Bevölkerung zu schaffen, die über die letzten Jahrzente hinweg durch Immobilienspekulation und Gentrifizierung immer weiter an den Rand von Caracas verdrängt worden war.

 

Die Stadt Caríbia

Auf der rechten Seite die Grundschule, links Wohnungen und in der Mitte Jakob und Lisoleth (Foto: Manu)

Vor ein paar Tagen habe ich mit Jakob und zwei Freunden die Stadt Caríbia besucht. Caríbia ist ein faszinierendes Grossprojekt, eine neue Stadt, die im Rahmen der Gran Misión Vivienda errichtet wird und ausschliesslich aus neuen, sozialen Wohnungen besteht. Caríbia liegt etwa eine Stunde von Caracas entfernt. Die ersten Bewohner sind erst seit einem Jahr dort, bis jetzt sind es 1.090 Familien. Innerhalb der nächsten Jahre sollen insgesamt 20.000 Wohnungen fertiggestellt und bezogen werden. Schon jetzt lassen allgegenwärtige Baustellen die zukünftige Grösse der Stadt erahnen. Die meisten der BewohnerInnen sind Betroffene der Unwetter 2010 und harrten seitdem in Notunterkünften aus. Die Wohnungen werden abhängig vom Einkommen bis zu 100% vom Staat finanziert. 75% der Bauarbeiter, die in Caríbia beschäftigt sind, sind (zukünftige) BewohnerInnen Caríbias. Dies ermöglicht es, dass sie schon vor dem Einzug eine Beziehung zu ihrer neuen Heimatstadt, ihren Mitmenschen und ihren Wohnungen aufbauen.

Damit die BewohnerInnen Caríbias zukünftig nicht mehr gezwungen sind, jeden Tag wegen der Arbeit nach Caracas zu pendeln, befindet sich neben den Wohnungen auch ein Industriegebiet im Bau, wo „sozialistische Fabriken“ entstehen werden. Neben einem fast fertigen Krankenhaus, gibt es bereits eine Schule, einen Gesundheitsposten, kollektiv betriebene Gemüsegärten, ein Einkaufszentrum, etc.

Von Beginn an organisierten sich die BewohnerInnen in sogenannten Consejos Comunales (kommunalen Räten), um die Entstehung der neuen Stadt selbst zu gestalten. Jeder Häuerblock wählt mehrere SprecherInnen, die in Vollversammlungen über die Gestaltung ihrer Stadt und des dazugehörigen Industriegebietes, die Formen und Regeln des Zusammelebens, Sicherheitsfragen, Arbeit, Müllentsorgung, Bauarbeiten etc. entscheiden.

Einer der kollektiv verwalteten Gemüsegärten (Foto: Manu)

Am Beispiel der Stadt Caríbia ist deutlich erkennbar, dass die Regierungsinitiative Gran Misón Vivienda weit mehr als nur ein sozialer Wohnungsbau ist. Die BewohnerInnen Caríbias wohnen nicht nur in ihrer neuen Stadt, sondern gestalten in dieser ihr Zusammenleben gemeinsam. Das bezieht sich nicht nur auf Fragen des täglichen Lebens, sondern auch der ökonomische Bereich ist eine kollektive Aufgabe. Die Entstehung des städtischen Industriegebiets, gemeinsam verwaltete Gemüsegärten und kommunale Läden sind Elemente davon. Dadurch wird in Caríbia eine neue Form des Miteinanders verwirklicht, das zumindest teilweise mit den üblichen Marktmechanismen wie Konkurrenz oder Individualismus bricht und die gewöhnliche Trennung von Arbeit und Leben abschwächt.

Besonderheiten des sozialen Wohnungsbaus in Venezuela

Abschliessend fasse ich die Besonderheiten zusammen, die den sozialen Wohnungsbau in Venezuela von dem in anderen Ländern wie Brasilien und Argentinien unterscheiden:

  • die Wohnungen werden komplett eingerichtet übergeben (mit Möbeln, Bett, Kühlschrank, Herd, Fernseher, Computer&Internet,…)
  • viele der neuen BewohnerInnen arbeiten bei der Errichtung ihrer Wohnungen mit. Die in Caríbia tätigen Baufirmen haben die Vorgabe, dass 75% ihrer Bauarbeiter (zukünftige) BewohnerInnen der Stadt sein müssen
  • die Häuserblöcke und Wohnungen unterscheiden sich voneinander (zumindest in Caríbia), um eine gewisse Individualität zu garantieren
  • viele der neuen Wohnungen entstehen auf „wertvollem Baugrund“, wie zum Beispiel im Stadtzentrum von Caracas.
  • je nach Einkommen müssen die Begünstigten nur wenig oder gar nichts für ihre neuen Wohnung bezahlen – das Recht auf Wohnraum wird somit höher gewertet als kapitalistische Grundsätze wie: „man kriegt im Leben nichts geschenkt“
  • Der Slogan der Gran Mision Vivienda ist „vivir viviendo“, was in etwa „lebend wohnen“ bedeutet. Dies soll deutlich machen, dass es bei der Übergabe der Wohnungen an Bedürftige nicht nur darum geht, ihnen Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Vielmehr soll durch das neue Zuhause ein „würdiges Leben“ ermöglicht werden, das das Recht auf Bildung, Gesundheit, Arbeit, die Partizipation an politischen Prozessen und das Recht auf Stadt einschliesst.
  • die Bewohner organisieren sich von Beginn an in kommunalen Räten, um über wichtige Fragen der Stadt selbst zu entscheiden (was die kollektive Verwaltung von finanziellen Mitteln einschliesst)

Im Hintergrund sieht man das entstehende Industriegebiet und neue Häuserblöcke (Foto: ich)

Lisoleth geht Brot kaufen in der kollektiv verwalteten Bäckerei (Foto: Manu)

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  1. Anonymous
    Februar 24, 2014 um 4:06 pm

    großartig!

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