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Besuch bei der instandbestzten Fabrik Zanón (Argentinien)

In der kapitalistischen Produktionsweise hat der Arbeiter ein feindliches Verhältnis zur Maschine, an der er arbeitet.  Er weiss genau, dass er als fuer den Chef jederzeit austauschbarer Bediener viel weniger Wert hat als die Maschine. Bei Ausfall der Maschine steht die Produktion still, beim Ausfall des (unorganisierten) Arbeiters jedoch tritt sofort ein anderer an dessen Stelle. Zudem ist der Arbeiter sich stetst bewusst, dass jederzeit eine Innovation die derzeitige Arbeitsweise rationalisieren könnte, was mehr Maschinenarbeit und weniger Arbeitskräfte bedeutet.  Die Technologie und der Fortschritt werden im Kapitalismus also stets zum Nachteil der Arbeiter verwendet, die ständig  um ihren Arbeitsplatz und somit ihre Existenz fürchten müssen.

Im Februar haben Andreza und ich die grösste instandbesetzte Fabrik Argentiniens besucht, das Keramikwerk Zanon in Neuquén. Seit über 10 Jahren betreiben die Arbeiter ihre Fabrik in Selbstverwaltung, 400 ArbeiterInnen produzieren auf elf Hektar Wersgelaende tausende Fliessen pro Jahr – ohne Chef, ohne Entlassungen und ohne Lohnkuerzungen.

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Eine Zanon-Mitarbeiterin erklaert uns, wie die Fabrik und die Keramik-Produktion funktionieren

In den Monaten vor dem Besuch bei Zanon hatte ich bereits die Gelegenheit die Fabriken I.M.P.A. in Buenos Aires und Flaskô in der brasilianischen Stadt Campinas (Bundesstaat São Paulo) kennen zu lernen. Beim Betreten der Fabriken hat mich jedesmal ein Gefuehl der Liebe eingenommen und zwar nicht nur zu dem ganzen Prozess der Selbstorganisation und –verwaltung der Arbeiter, sondern auch zu den Maschinen und der Produktion an sich. Zum ersten Mal habe ich Maschinen als Freunde betrachtet, hoffte auf ihr langes Funktionieren und beobachtete begeistert, wie sie gluehende Keramikplatten, Klebstofftuben oder Plastiktonnen ausspuckten. Zum ersten Mal sah ich in der Praxis, welch freundschaftliches Verhaeltnis die Arbeiter zu ihren Maschinen haben koennten, wuerde unser Produktionssystem dem Wohle aller dienen und nicht dem Reichtum einzelner!

In ganz Argentinien produzieren heute ueber 200 von den Arbeitern selbstverwaltete Kooperativen unter dem Slogan „ocupar, resistir, producir“ (besetzen, Widerstand leisten, produzieren). Um zu verstehen, wie es zu dieser hohen Zahl an empresas recuperadas (“reaktivierte Unternehmen”) kam, muss man einen Blick auf die argentinische Geschichte werfen: In den 90er Jahren setzte die argentinische Regierung ruecksichtslos neoliberale Reformen durch (umfassende Privatisierungen, Begleichung der Ausslandsschuld als primaeres Ziel, Liberalisierung der Wirtschaft,…), was zu einem Zusammenbruch der Wirtschaft fuehrte. Es kam zu Massenentlassungen, Fabrikschliessungen, Kapitalflucht, Hunger u.a. und die Bevoelkerung entschied sich im Jahre 2001 schliesslich dazu, nicht mehr zuhause zu bleiben und den leeren Teller anzustarren – so wie es ihr befohlen wurde – sondern auf die Strasse zu gehen, um ihrer Not Ausdruck zu verleihen. So kam es zu Massenprotesten im ganzen Land, 39 Demonstranten wurden getoetet und in den darauffolgenden Tagen wurden fuenf Praesidenten hintereinander dazu gezwungen, ihren Hut zu nehmen. Diese Ereignisse verstaerkten alle antikapitalistischen Prozesse im Land – wie auch die Bewegung der instandbesetzten Fabriken.

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Fabrikbesetzungen enstehen im Normalfall aus der Not heraus, als Reaktion der (organisierten) Arbeiter auf Werksschliessungen oder Entlassungen, sie dienen also erst einmal nur zur Arbeitsplatzerhaltung. Jede dieser Besetzungen verlaeuft anders, hat verschiedene Radikalisierungsstufen, Ideen, Moeglichkeiten und Ergebnisse.

Die Arbeiter der Keramikfabrik Zanon sind stark antikapitalistisch eingestellt und radikal in ihren Entscheidungen. Jeder Arbeiter bekommt – unabhaengig von seiner Taetigkeit – den selben Lohn, die Arbeiter wechseln ihre Taetigkeiten innerhalb der Fabrik durch, die Vertreter oder Leiter werden auf begrenzte Zeit gewaehlt und koennen jederzeit wieder abberufen werden, alle Entscheidungen werden gemeinsam in Plena getroffen, in regelmaessigen Versammlungen tauschen sich die Arbeiter ueber  verschiedene  politischen Themen aus, auf dem Werksgelaende befinden sich Schul- und Kulturprojekte fuer die oertliche Bevoelkerung, die Fabrik ist eng mit anderen sozialen und antikapitalistischen Bewegungen verbunden u.v.m.

Es sind viele Faktoren, die die Prozesse der Instandbesetzungen beeinflussen und in jeder Fabrik eine andere Situation zur Folge haben. Manche haben beispielsweise das Glueck, dass sie mit einer sicheren Abnahme ihrer Produkte zu einem befriedigenden Preis rechnen koennen, andere Fabriken werden im kapitalistischen Konkurrenzkampf fast zermalmt und der staendige Ueberlebenskampf erfordert einen Pragmatismus, der allen guten Vorsaetzen und Ideen keine Realisierungschance laesst – der Fabrik droht in diesem Fall, als “selbstverwaltetes Elend”(1) zu enden.

Auch muss man sich die Fragen stellen, inwiefern die Ideale einer gerechteren Produktionsweise in einer mehr oder weniger alleinstehenden und vom Staat reprimierten Fabrik verwirklicht werden koennen und inwieweit eine “gute Produktion” innerhalb des Kapitalismus ueberhaupt moeglich ist.

In allen drei von mir besuchten Fabriken finden jedenfalls sehr interessante Vorgaenge statt, die tausende Menschen involvieren, die sich organisieren, austauschen, lernen, Erfahrugen sammeln und im Rahmen ihrer Moeglichkeiten den Traum einer selbstverwalteten Produktion verwirklichen. Durch ihren taeglichen Kampf beweisen sie allen herrschaftsliebenden Menschen dieser Welt, dass die Arbeiter selbst Koepfe zum Denken haben und keine Vorgesetzten und Besitzer brauchen. Wer einmal die Moeglichkeit hat, eine instandbesetzte Fabrik zu besuchen, der wird sehen koennen, wie die Arbeiter – sobald sie sich nehmen, was ihnen sowieso gehoert – ihr Leben voellig veraendern, von unterdrueckten, passiven und fremdgelenkten Personen werden sie zu aktiven, interessierten und selbstbewussten Subjekten und beginnen wieder zu hoffen, zu hoffen auf eine Zukunft des solidarischen Miteinanders in unserer Welt.

——–

Weitere Informationen:

http://www.wildcat-www.de/wildcat/70/w70argen.htm

http://www.wildcat-www.de/dossiers/latina/arg_occu.htm

http://www.wildcat-www.de/wildcat/68/w68_zanon.pdf

http://www.bpb.de/apuz/32871/reaktivierte-unternehmen-die-empresas-recuperadas-in-argentinien?p=all

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