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Was ist Ausbeutung?

Vor einiger Zeit habe ich auf der Homepage einer brasilianischen Partei (PSTU) einen Text gefunden, der auf einfache Weise erklärt, wie Ausbeutung im Kapitalismus funktioniert, als eine grundlegende Eigenschaft dieses Systems.

Diesen Text habe ich nun übersetzt und einige Teile davon verändert.

Es ist sehr schwer, andere Menschen gegen den Kapitalismus und für eine Veränderung der Umstände in denen wir leben, zu organisieren. Das liegt denke ich unter anderem daran, dass die Leute meinen, die Welt sei normal so wie sie ist und da es ja eh keine Alternativen gäbe, mache es keinen Sinn sich zu engagieren.

Es ist daher ein grosser Schritt, wenn die Leute zu dem Bewusstsein kommen, dass unsere ganze Produktionsweise an sich schon auf Ungerechtigkeit basiert, dass es nicht „normal“ ist, dass einige wenige einfach nur besitzen und alle anderen ihre Arbeitskraft verkaufen müssen.

In Brasilien und Argentinien habe ich Broschüren und Texte gelesen, die den Kapitalismus und seine Funktionsweisen auf eine Weise erklären, die man auch ohne ausgeprägtes Wissen verstehen kann. Auf Deutsch kenne ich solche Texte nicht und versuche also mit diesem Artikel einen kleinen Beitrag zu liefern.

Seht diesen Text als Versuch. Ich bin mir sicher, man muss sehr viel noch verbessern (Vorschläge wie immer willkommen).

Die Geldwährung im Text ist der brasilianische „Real“. Ich habe die Werte nicht in Euro umgewandelt, denn es geht ja darum wie Ausbeutung an sich funktioniert und nicht um konkrete Zahlen.

Als pdf (download) oder direkt hier lesen:

Was ist Ausbeutung?

Dieser Text ist zu grossen Teilen eine Übersetzung von „O que é exploração?“

In der U-Bahn Station Barra Funda, in São Paulo, befindet sich ein kleines Lottogeschäft. Wahrscheinlich hat dort noch nie jemand etwas gewonnen, doch es ist immer voll.  Der Erfolg des Geschäfts liegt jedoch weniger an der guten Lage, als vielmehr an dessen Namen: “Adieu, Chef!”. Der Traum nie wieder arbeiten zu müssen setzt sich unweigerlich im Kopf eines jeden fest, der daran vorbei läuft und die Lust darauf einen Lottoschein auszufüllen wird unwiderstehlich. Vielleicht hat man ja Glück…

Gleich nach dem Lottogeschäft gehts dann durch das Drehkreuz, die Rolltreppe hinunter und hinein in das volle U-Bahn-Abteil. Sofort ist der süsse Traum verflogen und man merkt, dass die zwei Reais fürs Glücksspiel zum Fenster hinaus geworfen wurden. Die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung ist nunmal dazu verurteilt, ihr ganzes Leben lang zu arbeiten. Am Ende unserer Tage blicken wir dann zurück und werden uns bewusst, dass wir über 35 bis 40 Jahre hinweg, 26 Tage pro Monat und 8 bis 12 Stunden pro Tag gearbeitet haben. Die Arbeit, unser Mittel zum Leben, hat so das eigentliche Leben aufgezehrt. Wer, unter diesen Umständen, will da nicht den Jackpot knacken, um ein für allemal “Adieu, Chef!” sagen zu können?

Doch warum träumen wir alle davon, reich zu werden und nicht mehr arbeiten zu müssen? Ja sicher, Arbeit ist anstrengend, doch andererseits werden durch sie auch Wunder erschaffen! Durch unsere Arbeit nehmen wir aktiv an der Gesellschaft Teil und sie könnte so schöne menschliche Eigenschaften wie die Intelligenz, die Zusammenarbeit und die Solidarität beleben. Warum geschieht das nicht? Die Antwort ist augenscheinlich: in der kapitalistischen Gesellschaft dient Arbeit nicht zur Verwirklichung unserer Fähigkeiten und Wünsche, sondern ist vielmehr ein Schuften für die Anhäufung von Profiten. Profite anderer.

Die Arbeit im Kapitalismus

Merkmal des Kapitalismus ist es, dass die Beziehung zwischen Arbeiter und Unternehmer so dargestellt wird, als wäre sie frei und gerecht. Der Arbeiter ist nicht dazu verpflichtet, das Arbeitsangebot des Unternehmers anzunehmen. Und selbst wenn er es angenommen hat, kann er jederzeit kündigen. Der Unternehmer, auf der anderen Seite, ist auch nicht dazu verpflichtet, den Arbeiter einzustellen. Und selbst wenn er ihn eingestellt hat, er muss ihn nicht behalten. Zu jeder beliebigen Zeit kann er ihn – ggf. ein paar Strafen zahlend – wieder entlassen.

Auch der Arbeitsvertrag scheint völlig gerecht zu sein: acht Stunden Arbeit pro Tag im Tausch gegen einen Lohn, der den Lebensunterhalt des Arbeiters – und vielleicht sogar dessen Familie – sichert. Gibt es etwas gerechteres? Etwas noch demokratischeres?

Die Arbeit beginnt. Die Maschinen brummen, die Zahnräder drehen sich und die Förderbänder laufen. Die Platten werden gepresst, das Öl raffiniert, die Hosen genäht. Am Tagesende sieht man den Zauber der Arbeit: ein neues Stockwerk ist entstanden, wo zuvor lediglich Stahlträger waren, ein Stapel Kleidung, wo zuvor nur der Stoff herum lag, ein Auto, wo zuvor lose Teile waren. Auf diese Weise werden neue Reichtümer erschaffen, die zuvor nicht existierten und die einen bestimmten Preis haben: 25.000 Reais für ein Auto, 25 Reais für einen Pullover etc.

Wo ist die Ausbeutung?

Jeder Arbeiter, der im Tausch für seine Arbeit einen Lohn erhält, produziert in seiner Arbeitszeit nicht nur das was er selbst zum Leben braucht (dem Wert seines eigenen Lohns), sondern vor allem den Gewinn des Kapitalisten. Unter der Verwendung der Maschinen des Unternehmers verwandelt der Arbeiter Rohstoffe in ein Produkt und erschafft dadurch einen neuen Wert. Der Lohn des Arbeiters wird jedoch nicht anhand der Höhe des von ihm erschaffenen Wertes festgelegt, sondern vielmehr an dem was er benötigt, um sich ernähren zu können. Sehen wir uns das in einem Beispiel genauer an:

Die Durchschnittsproduktion in der Automobilbranche liegt, den Daten der Industrie zufolge, bei 2,25 Autos pro Arbeiter und pro Monat. Runden wir das auf zwei ab, um uns die Rechnung zu erleichtern. Das bedeutet also, dass über einen Monat hinweg jeder Arbeiter dieser Branche im Durchschnitt zwei Autos herstellt. Sagen wir, der Mittelwert eines solchen Autos – nehmen wir eines der billigsten – beträgt 24.000 Reais. Jeder Arbeiter produziert also in einem Monat 48.000 Reais an Wert, der zuvor nicht existierte. Nehmen wir an, dass der Lohn des Arbeiters bei 2.000 Reais liegt und dass er 24 Tage pro Monat arbeitet, an Sonntagen und einigen Samstagen hat er frei. Teilt man nun die 48.000 Reais durch die 24 Tage die der Arbeiter arbeitet, so kommt man genau auf 2.000 Reais. Das ist der durschnittliche Wert, den ein Arbeiter der Automobilindustrie an einem einzigen Tag erzeugt. Das bedeutet also, dass der Wert, den der Arbeiter an einem Tag produziert, dem Wert seines kompletten Monatslohns entspricht. Doch der „gerechte und demokratische“ Vertrag mit seinem Arbeitgeber schreibt vor, dass der Arbeiter nicht nur einen Tag, sondern ganze 24 Tage arbeiten muss erst nach dieser Zeit bekommt er seinen Lohn ausbezahlt. Der Arbeiter arbeitet also einen Tag im Monat dafür, sich für seinen Lohn zu revanchieren und die restlichen 23 Tage umsonst, völlig ohne Gegenleistung vom Unternehmer.

Das bedeutet, dass im Kapitalismus die Ausbeutung nichts damit zu tun hat, ob der Lohn hoch oder niedrig ist. Wie schön, wenn das Problem allein darin läge. Trotzdem ist eine Lohnerhöhung des Arbeiters natürlich sehr unangenehm für den Arbeitgeber und vermindert die Ausbeutung, doch die Ausbeutung selbst kann sie nicht beseitigen. Wenn der Lohn unseres Automobilarbeiters auf 4.000 Reais verdoppelt werden würde, dann würde er somit an zwei Tagen seinen Lohn abbezahlen und die restlichen 22 Tage umsonst für den Kapitalisten arbeiten. Bei einer Verdreifachung auf 6.000 Reais würde er drei Tage für seinen Lohn arbeiten und 21 Tage umsonst etc. Keine Lohnerhöhung ist in der Lage, die Ausbeutung an sich abzuschaffen. Immer, unabhängig von der Höhe des Lohns, wird es einen Teil der Arbeitszeit geben, den der Arbeiter unbezahlt schuftet.

Selbstverständlich ist der Grad der Ausbeutung nicht immer derselbe, er hängt ganz vom Industriezweig und vom ausgeführten Beruf ab. In manchen Berufen ist die Ausbeutung stärker als in anderen, das heisst die Arbeiter arbeiten mehr Zeit ohne dafür bezahlt zu werden, als in anderen Berufen. Doch in jedem beliebigen Unternehmen, in dem die Arbeiter im Tausch gegen einen Lohn ihre Arbeitskraft verkaufen, wiederholt sich dieses Phänomen: umsonst geleistete Arbeit für den Unternehmer. Darin liegt die „Magie“ des Kapitalismus: die Arbeit des Arbeiters erzeugt viel mehr Reichtum, als dieser in Form seines Lohns ausbezahlt bekommt. Die Differenz zwischen dem von ihm produzierten Wert und dem was er als Lohn bekommt, heisst Mehrwert. Im Falle unseres Automobilarbeiters beträgt dieser Mehrwert 46.000 Reais pro Monat!

Der Profit: Frucht der Ausbeutung

Wie man sieht, sind Ausbeutung und Profit verschiedene Sachen. Der Profit spiegelt die Ausbeutung lediglich wider, ist aber nicht die Ausbeutung selbst. Der Profit des Kapitalisten kann, abhängig von den Ausgaben des Unternehmens und Preisschwankungen höher oder niedriger sein. Er hängt vom Markt ab. Die Ausbeutung jedoch liegt tiefer. Sie geschieht im Moment der Produktion selbst: Der Arbeiter bezahlt in nur einem Tag für seinen Lohn und arbeitet weitere 23 Tage umsonst, im Glauben dem Kapitalisten noch etwas schuldig zu sein.

Wenn die Arbeiter für eine Lohnerhöhung streiken, holen die Kapitalisten hastig Statistiken und Tabellen hervor, die beweisen sollen, dass höhere Löhne völlig unbezahlbar wären, dass gar das Überleben des Unternehmers durch eine Lohnsteigerung gefährdet wäre. Solche Tabellen sind in der Regel reine Lüge. Nicht weil die Unternehmen keine Ausgaben zu begleichen haben. Das haben sie. Verlogen sind die Tabellen, da Lohnerhöhungen in keinster Weise die Zahlungsverpflichtungen beeinträchtigen, die das Unternehmen gegenüber den Zulieferern und Banken hat. In Wahrheit sind die von Arbeitern geforderten Lohnerhöhungen sehr moderat und betreffen ausschliesslich den Profit des Unternehmers, also das Geld, das – die Ausgaben bereits abgezogen –  direkt in die Tasche des Unternehmers geht. Doch da der Kapitalist nicht das mindeste Interesse daran hat, dass sein Profit geschmälert wird, versucht er sein persönliches Leid (weniger Profit für ihn) so darzustellen, als ob es eine Tragödie für das ganze Unternehmen bedeuten würde, was jedoch zwei paar Schuhe sind!

Einen Tropfen Warheit gibt es jedoch im Meer der Tränen der Kapitalisten. Und zwar können diese sich keine all zu hohe Lohnerhöhung leisten, da das komplette kapitalistische System auf der Arbeit beruht, die die Arbeiter umsonst ableisten. Würden sich die Arbeiter eine Lohnerhöhung erkämpfen, die eine bestimmte Höhe übersteigt, so würde das ganze System zusammenbrechen, denn nicht nur der Unternehmer saugt das Blut der Arbeiter, sondern auch die Banker, die Zulieferer der Rohstoffe, der Staat und die Aktionäre, die alle von der Arbeit leben, die der Arbeiter unbezahlt schuftet. Wenn der Unternehmer also davon spricht, seine „Rechnungen bezahlen zu müssen“, dann meint er eigentlich damit, den anderen Kapitalisten einen Teil von dem abzuliefern, was er dem Arbeiter vorenthält.

Das Problem ist der Kapitalismus selbst

Das heisst also, wir leben in einer Gesellschaft, die von der unbezahlten Arbeit eines Teils der Bevölkerung lebt. Dieser Teil, die gewaltige Mehrheit, arbeitet ohne sich dessen bewusst zu sein die überwiegende Zeit ohne dafür bezahlt zu werden und finanziert damit den Reichtum einer winzingen Minderheit. Diese Minderheit erhält sich als privilegierte Klasse einzig und allein deshalb, weil sie die Maschinen, die Fabriken, das Land usw. („die Produktionsmittel“) besitzen. Doch wie kommen sie zu diesem Besitz? Dies ist eine Frage, die nicht einmal sie selbst zu beantworten wissen. Sie werden etwas erzählen von einer Erbschaft, ihrem „Unternehmergeist“, sie werden sich verhaspeln, stammeln, stottern – sie werden aber nicht die wirkliche Herkunft ihres Besitzes erklären können. Und warum? Weil sie wissen, dass ihr Reichtum auf der unbezahlten Arbeit anderer beruht. Und es wäre ausgesprochen peinlich, zuzugeben: „Ich bin reich, denn ich beute die Arbeit anderer aus, die umsonst für mich arbeiten“. Sowas geben sie nicht gerne zu, sie wollen ja nicht aussehen wie Parasiten, wie Blutsauger!

Die Arbeit des Unternehmers ist völlig anderer Natur als die des Arbeiters. Der Unternehmer besitzt Produktionsmittel und sein Interesse besteht darin, seinen Reichtum weiter zu vermehren. Er kauft dazu die Arbeit der Arbeiter, die für ihn Mehrwert produzieren, sein Besitz steigt und seine einzige Aufgabe besteht darin, seinen Reichtum zu verwalten. Wir sehen also, der Unternehmer ist auf die Arbeiter angewiesen, um die Maschinen zum laufen zu bringen. Die Arbeiter auf der anderen Seite haben jedoch keinerlei Vorteil durch die Existenz des Unternehmers und könnten ihre Fabrik problemlos selbst verwalten.

Der Kapitalismus ist also ein System, das Ausbeutung und die ungleiche Verteilung von Besitz in sich trägt und auf darauf basiert. Aus diesem Grunde ist es unmöglich, diese innerhalb des Kapitalismus abzuschaffen.Die Herausforderung für unsere Klasse, die Arbeiterklasse, ist es, dieses System durch ein anderes zu ersetzen: durch ein System, in dem die Arbeiter Herr ihrer eigenen Arbeit sind und mit lauter Stimme verkünden können: „Adieu, Chef! Und auf nimmer wiedersehn!“

Die Rolle der Gewerkschaften

Die Gewerkschaften sind Organisationen, die von der Arbeiterklasse aufgebaut werden, um für bessere Bezahlung und Arbeitsbedingungen zu kämpfen. Allein durch ihren Kampf in den Unternehmen sind sie jedoch nicht dazu in der Lage, das System der Ausbeutung selbst zu beenden. Um das zu erreichen, müssen sie sich gegen das ganze Lohnsystem, gegen den Kapitalismus richten. Solange sie das nicht tun, dient ihr Kampf nur dazu, die Ausbeutung zu verringern, ist dadurch ein Kampf innerhalb des Systems. Schon ein solcher  Kampf ist notwendig, denn es macht einen grossen Unterschied, ob man 36 oder 44 Stunden pro Woche arbeitet, ein- oder zweitausend Reais pro Monat verdient. Aber es ist wichtig, die Grenzen der Handlungsfähigkeit der Gewerkschaften zu erkennen, die sich nicht gegen das eigentliche System richten.

Auf jeden Fall haben die Gewerkschaften eine wichtige Aufgabe. Jede Gewerkschaft sollte beispielsweise den Arbeitern Informationen zur Verügung stellen, mit deren Hilfe der Grad der Ausbeutung errechnet werden kann und wie viel der Arbeitszeit umsonst gearbeitet wird. Diese Rechnungen können in jedem beliebigen Berufszweig gemacht werden. Im Baugewerbe, zum Beispiel dadurch, dass man den Durchschnittswert für jeden konstruierten Quadratmeter ermittelt und sich ansieht, wie viel der Arbeiter verdient und wie hoch dessen durchschnittliche Produktivität ist.

Es ist unentbehrlich, dass die Arbeiter diese Informationen von ihren Gewerkschaften einfordern. Zu wissen, dass die Arbeiter einen Teil ihrer Zeit unbezahlt arbeiten, ist der erste Schritt zu einem wahrhaftigen Klassenbewusstsein, das wir benötigen, um aktiv zu werden gegen den Kapitalismus und für den gemeinschaftlichen Aufbau eines gerechteren Systems!

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  1. März 3, 2012 um 5:05 pm

    In zwei Broschüren von Marx wird unter anderem auch dieses Thema erklärt.

    Lohn, Preis und Profit:
    http://www.mlwerke.de/me/me16/me16_101.htm#K08

    Lohnarbeit und Kapital:
    http://www.mlwerke.de/me/me06/me06_397.htm

  2. März 14, 2012 um 4:32 pm

    Ein Zitat aus „Lohnarbeit und Kapital“:

    „Die Betätigung der Arbeitskraft, die {24} Arbeit, ist aber die eigne Lebenstätigkeit des Arbeiters, seine eigne Lebensäußerung. Und diese Lebenstätigkeit verkauft er an einen Dritten, um sich die nötigen Lebensmittel zu sichern. Seine Lebenstätigkeit ist für ihn also nur ein Mittel, um existieren zu können. Er arbeitet, um zu leben. Er rechnet die Arbeit nicht selbst in sein Leben ein, sie ist vielmehr ein Opfer seines Lebens. Sie ist eine Ware, die er an einen Dritten zugeschlagen hat. Das Produkt seiner Tätigkeit ist daher auch nicht der Zweck seiner Tätigkeit. Was er für sich selbst produziert, ist nicht die Seide, die er webt, nicht das Gold, das er aus dem Bergschacht zieht, nicht der Palast, den er baut. Was er für sich selbst produziert, ist der Arbeitslohn, und Seide, Gold, Palast lösen sich für ihn auf in ein bestimmtes Quantum von Lebensmitteln, vielleicht in eine Baumwollenjacke, in Kupfermünze und in eine Kellerwohnung. Und der Arbeiter, der zwölf Stunden webt, spinnt, bohrt, dreht, baut, schaufelt, Steine klopft, trägt usw. – gilt ihm dies zwölfstündige Weben, Spinnen, Bohren, Drehen, Bauen, Schaufeln, Steinklopfen als Äußerung seines Lebens, als Leben? Umgekehrt. Das Leben fängt da für ihn an, wo diese Tätigkeit aufhört, am Tisch, auf der Wirtshausbank, im Bett. Die zwölfstündige Arbeit dagegen hat ihm keinen Sinn als Weben, Spinnen, Bohren usw., sondern als Verdienen, das ihn an den Tisch, auf die Wirtshausbank, ins Bett bringt. “

    Dazu passt das Lied „Feierabend von Ton Steine Scherben:

  3. Nils Wilke
    Dezember 31, 2012 um 2:22 am

    Das genannte Beispiel zeigt recht einleuchtend, warum der Vorwurf, die kapitalistische Wirtschaftsweise wäre „ausbeuterisch“, Unsinn ist.

    Nimmt man das Beispiel der Automobilproduktion, so wäre der Logik des Textes folgend, „Ausbeutung“ erst dann beseitigt, wenn der Arbeiter 48.000 Real Monatslohn enthielte. Dann entspräche sein Lohn dem Wert der Autoproduktion, die dem Arbeiter vom Auro zugeschrieben wird. Nun nehmen wir, das Unternehmen erhält 48.000 Real für die zwei Autos, die sogleich an den Arbeiter überwiesen werden, weil man ja nicht „ausbeuterisch“ sein will. Jetzt sollte ja nach Meinung des Autors alles in Ordnung sein. Ausbeutung findet nicht mehr statt.

    Wovon aber bezahlt das Unternehmen jetzt Materialien, wovon werden die notwendigen Verwaltungsangestellten bezahlt, wovon werden die Maschinen bezahlt, wovon werden die Werkshallen bezahlt? Der Autor scheint davon auszugehen, dass die Arbeiter die Autos aus Luft und Liebe produzieren. Das ist in der wirtschaftlichen Realität nicht der Fall. Der Arbeiter produziert die Autors mit Hilfe von Maschinen, Werkszeugen und Materialien, er produziert die Autos in Werkhallen und ist in jeder etwas größeren betrieblichen Organisation auf ein Netzwerken von nicht unmittelbar an der Autoproduktion beteiligten Angestellten angewiesen, die notwendigen Verwaltungaufgaben wahrnehmen. Alles das muss bezahlt werden. Und logischerweise kann der Arbeiter den Wert der Produktion nicht allein einstreichen, denn alleine könnte der Arbeiter niemans die zwei Autos herstellen.

    Das ist der Kernfehler der obigen Argumentation. Die Produktion der Autos ist ein Gemeinschaftsergebnis verschiedener Produktionsfaktoren und nicht allein Ergebnis der Tätigkeit des Arbeiters. Folglich muss der durch Verkauf erzielte Wert der Produktion auf alle Teile dieser Gemeinschaft aufgeteilt werden und nicht nur an den Arbeiter. Das ist keine Ausbeutung. Vielmehr wäre es sogar Ausbeutung, wenn der Arbeiter die 48.000 Real alleine einstreichen würde, obwohl es nicht allein sein Beitrag war, der die Produktion der zwei Autos ermöglicht hat, denn dann würde er alle anderen Helfer um ihren Lohn bringen.

    Die kapitalistische Produktionsweise bringt unterschiedliche Produktionsfaktoren zusammen, die ohne die jeweils anderen Produktionsfaktoren deutlich weniger wert wären. So wäre die Arbeitskraft des Arbeiters in der Autoproduktion ohne die Maschinen, Werkzeuge und Materialien deutlich weniger wert, denn er könnte aus Luft und Liebe allein niemals die zwei Autos produzieren. Wäre er tatsächlich in der Lage, ganz allein durch seine Arbeitskraft einen Wert von 48.000 Real zu kreieren, wäre er nicht für 2.000 Real bei dem Automobilunternehmen tätig, sondern würde sich selbständig machen und den ganzen „Mehrwert“ einstreichen. Dass er das nicht tut, verrät uns, dass die 48.000 Real Produktionswert erst durch Kombination seiner Arbeitskraft mit den anderen Produktionsfaktoren erreicht werden. Folglich können wir nicht den ganzen Produktionswert einzig der Arbeitskraft zuschreiben. Dann stellt es aber auch keine Ausbeutung dar, wenn der Arbeiter nicht die 48.000 Real als Lohn erhält und die obige Argumentation bricht zusammen.

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